Thomas Sternberg MdL | Ihr Landtagsabgeordneter für Münster
 

   
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Lesetipps

An dieser Stelle möchte ich Ihnen ganz persönliche Lese- und Veranstaltungstipps geben. Ich freue mich jederzeit auch über Anregungen und Tipps Ihrerseits.

Der Turm von Uwe Tellkamp (2009)


Die Ferien erlauben es, auch dicke Wälzer zu lesen. Der große Erfolg dieses Jahres über die Bildungsbürger in Dresdens Nobelviertel „Weißer Hirsch“ in den letzten Jahren der DDR hat fast 1000 eng bedruckte Seiten. Nach meiner Frau habe ich das dicke Buch – mit Gewinn und viel Lesevergnügen - geschafft.

Man wird den Gedanken nicht los, der Autor hätte seine Erzähllust etwas zügeln können und das Buch um 2-300 Seiten kürzer machen können, wenn er etwa einige Stränge zu einem selbständigen Buch gemacht hätte. Aber ein spannendes und wichtiges Leserlebnis bietet der Turm allemal.

Worum geht es? Der Turm ist Teil des zu Beginn des 20. Jahrhunderts teuersten Wohngebiets Deutschlands, dem Steilhang gegenüber der Altstadt Dresdens mit vornehmen Bürgerhäusern und schlossartigen Villen. Hier verbringt Christian, der Held des Romans mit deutlichen Anklängen an seinen Autor, seine Jugend in einem der Bürgerhäuser, wo man aber unter den Entbehrungen der sozialistischen Misswirtschaft ebenso zu leiden hat wie unter den erzwungen Einquartierungen der Wohnungsbewirtschaftung. In der Nachbarschaft liegen die Labore von Arbogast, worunter leicht die bis zur Wende staatlich geduldeten und geförderten Anlagen des schillernden Forschers Manfred von Ardenne zu erkennen sind. Und dort liegt „Ostrom“, ein bewachtes Gelände mit Wohnungen und Verwaltungen der SED-Kader.

Über den Vater Christians erlebt man die Welt der Medizin und der Krankenhäuser, über den Onkel Meno, Lektor eines literarischen Verlags, werden Literaten präsentiert, deren „Klarnamen“ sicher den Kennern der Szene bekannt sind. Christian selbst ist im Internat und über ihn erfahren wir etwas über Schulen und Pädagogik im für mich zumindest unbekannten Land. Und als Christian zum Militär eingezogen wird, sieht man sich einer bitteren Abrechnung mit einem brutalen System gegenüber, deren Grausamkeiten hoffentlich nicht verallgemeinert werden können, aber doch durch den Film „NVA“ nach einem Buch von Thomas Brussig aus dem Jahr 2005 schon mit drastischem Humor gezeigt wurden.

Die Gesellschaft, die da zwischen Roßleite und Wolfsleite in Dresden lebt, ist nicht typisch für die DDR; es sind Bildungsbürger, die aus aller Zeit gefallen scheinen. Klassische Musik und erlesener Geschmack, Literatur- und Geschichtskenntnis sind ihre Kennzeichen, ihr Gott ist Goethe, seine Ministranten die „Cruzianer“ des Kreuzchors, sie haben Freude an schönen alten Dingen wie der „Zehnminutenuhr“ Menos, die sechs Mal in der Stunde schlägt. Als Leitmotiv taucht immer wieder ein Satz auf, der die Welt dort charakterisiert: „Dresden – in den Musennestern / schläft die süße Krankheit: Gestern“.  Wenn diese Menschen auf Mangelwirtschaft, Willkür, Repression und Sadismus der DDR treffen, entstehen ebenso tragische wie kuriose Situationen.

Mag es vielleicht zur Mitte des Buches etwas zäh werden, weiter zu lesen; es lohnt sich, denn auf den letzten 200 Seiten gewinnt der Roman an Fahrt. Außerordentlich spannend sind die Schilderungen der unmittelbaren Vorwendezeit mit den Unruhen und Polizeieinsätzen am Dresdner Bahnhof im Herbst 1989. Die Wende war nicht allein der friedliche Spaziergang von mutigen Kerzenträgern! Wer einmal den Bundestagsabgeordneten Arnold Vaatz, der mitten in diesem Geschehen maßgeblich gestaltend mitwirkte, hierzu gehört hat, weiß wie vielfältig die Freiheitsbewegung der DDR am Ende der 80er Jahre war.

Wie in jeder guten Literatur über Geschichte, erschöpft sich auch Tellkamp nicht darin, sondern er erzählt zugleich über vieles, was genau so sich in Westdeutschland ereignet hat oder haben könnte. Und doch ist es ein wichtiges Buch über die DDR geworden – ein Blick auf Bildungsbürgertum und Literatur, auf Familienleben und Jugend unter den Bedingungen einer zutiefst inhumanen Diktatur auf deutschem Boden, dreißig Jahre zuvor.



Heimsuchung von Jenny Erpenbeck

Nach der Lektüre eines etwas reißerischen Romans über islamistischen Terrorismus, der nicht ganz überzeugte – und deshalb nicht als Lesetipp vorgestellt wird, die Frage an meine Frau nach Lesefutter…

Und dann hält man ein schmales Buch von weniger als 200 Seiten in der Hand – aber es erlaubt keine schnelle Lektüre. Zu kompliziert sind die Konstruktionen, die wechselnden Perspektiven, die vielen Personen und Zeiten zu kunstvoll ineinander verwoben. Und dazu ein Stil, der geradezu musikalisch die Sprache so rhythmisiert, dass man an Rilke erinnert wird. Ohne Frage, in dem Buch der Berliner Autorin Jenny Erpenbeck, Heimsuchung, (Verlag Eichborn, Frankfurt 2008, ISBN-10 3821857730, 17,95 EUR) trifft man auf ein sprachliches Kunstwerk.

Man muss sich erst einlesen in ein solches Buch, aber es lohnt sich sehr, sich dem Fluss des Erzählens zu überlassen, nicht zu ungeduldig die näheren
Erläuterungen zu zunächst nur angedeuteten Ereignissen zu erwarten. Die Personen und Ereignisse  erscheinen wie in einer großen Komposition mit Leitmotiven, Themen und einem Basso Continuo, den das Seeufer irgendwo in Brandenburg bildet. Der Titel „Heimsuchung“ ist durchaus bewusst schillernd zwischen dem Anklang an „Mariae Heimsuchung“  und der wörtlichen Suche nach einem Heim – hier an einem märkischen See.

Kann man am Schicksal eines Ferienhauses in der Nähe von Berlin die deutsche Geschichte des 20 Jahrhunderts von Weimarer Republik, „Drittem Reich“, Krieg und Vertreibung, der DDR  bis zu dem wiedervereinigten Deutschland und bis heute differenziert erzählen? – Erpenbeck tut das mit dem Mittel der Biographie der Bewohner des Hauses und seiner Nachbarschaft. Die Lebensschicksale werden in ihrer ganz unmittelbaren Geschichte erzählt; in den klein scheinenden Erlebnissen der Menschen spiegelt sich die große Geschichte. Bis auf ganz wenige etwas exaltierte oder drastische Szenen sind die Schicksale packend und ergreifend geschildert: der alte Eigentümer und seine verwirrte Tochter, die Familie des  jüdischen Textil-fabrikanten, der Architekt und seine schlichte Frau, die Familie der sozialistischen Schriftstellerin, die Vertriebene … Keineswegs werden nun angestrengt historische  Ereignisse auf die ausgewählten Viten übertragen, sondern Glück und Trauer, Leiden und Vergnügen, Schuld und Schicksal in zumeist kleineren, aber genauen Bobachtungen geschildert. Der Dank im Anhang (S. 190) gestattet einen Blick auf die umfangreichen Recherchen, die dem Erzählten zugrunde liegen. Da werden nicht nur erfundene und willkürliche Vermutungen kombiniert, sondern genaue Informationen und historisches Wissen in ein Sprachkunstwerk übersetzt.


Eine Vita durchzieht das ganze Buch: der Gärtner, der immer wieder mit der Pflege jener Natur zu tun hat, die immer gleich über alle Gründungen, Zerstörungen, Veränderungen und Umnutzungen hinweg die immer gleichen  Arbeitsschritte einfordert. Genau beobachtete Natur- und Detailschilderungen durchziehen den Text. Und mit dem Absterben der Natur geht auch der Niedergang des Hauses einher. Als es schließlich zum Abriss des Hauses kommt, ist der nun gebrechliche Gärtner verschwunden.

Es ist zugleich ein Buch über die Erinnerung. Was wird wie erinnert? Was bleibt von den Erlebnissen der Kindheit? Wie verändern Lebensschicksale Perspektive und Interesse? Die geschilderte Arbeitsweise der im Haus lebenden Schriftstellerin scheint auch die Absicht der Autorin, die 1967 in Berlin geboren wurde, wiederzugeben: alle ihre Leidenschaft habe „dem Versuch gegolten, durch die Buchstaben hindurch ihre Erinnerungen in die Erinnerungen anderer zu verwandeln, ihr Leben auf dem Papier wie auf einer Fähre in andere Leben zu übersetzen. Mit den Buchstaben hatte sie manches an die Oberfläche geholt, was ihr bewahrenswert schien, anderes in die Versunkenheit zurückgestoßen, was wehtat. Jetzt weiß sie nicht mehr, ob die Auswahl selbst schon der Fehler war, denn das, was sie ihr ganzes Leben vor ihrem inneren Auge hatte, sollte doch eine ganze Welt sein, keine halbe.“(S. 124).

Nach der Lektüre versteht man das Motto, das dem Buch vorangestellt ist; ein Satz der Marie aus Woyzeck von Georg Büchner: „Dieweil der Tag lang und die Welt alt ist, können viel Menschen an einem Platz stehn, einer nach dem andern“.
Jenny Erpenbeck zeigt uns Menschen mit ihren Schicksalen an diesem einen Platz im Haus am See und schreibt ein ergreifendes Buch der Verschränkung von großer Historie und persönlicher Erfahrung. Die Lektüre, bei der man Lust bekommt, den Text zu sprechen und zu hören, ist ein Gewinn: sehr zu empfehlen!


Die Varusschlacht, Rom und die Germanen von Ralf Peter Märtin

Mit der Hermannschlacht im Teutoburger Wald beschäftigt man sich normalerweise mit spitzen Fingern. Allzu sehr ist dieses Thema von einer nationalistischen Geschichtsschreibung vereinnahmt worden, die den germanischen Fürsten und römischen Abtrünnigen Arminius als eine Lichtgestalt der Gründung Deutschlands konstruierte.

Wer weiß schon, dass Germanien bereits bis zur Elbe zum Römischen Reich gehört hat, mit welchen Methoden die Römer die Landnahme sicherten, welche Bedeutung Germanien in der Politik zwischen den Kaisern Augustus und Tiberius gehabt hat? Wie war es, als mehr als 15.000 römische Soldaten in einen Hinterhalt gelockt wurden und bestialisch umgebracht wurden? Welche Auswirkungen hatte diese Niederlage auf die kaiserliche Politik in Rom und wie sah die Rache für den Verrat aus?

Informationen zu diesem Thema sind in diesem Jahr, zweitausend Jahre nach der Schlacht reichlich zu bekommen. Vor allem bietet sich die große Ausstellung an drei Orten an, die im Mai eröffnet wird: Unter dem Motto Imperium (Römermuseum Haltern), Konflikt (Kalkriese) und Mythos (Detmold) finden sie an Originalschauplätzen statt.

Unter den vielen Büchern zu dem aktuellen Thema lese ich im Moment:  Die Varusschlacht, Rom und die Germanen von Ralf Peter Märtin (461 Seiten, S. Fischer Verlag, Frankfurt 2008, 22,90 €). Ich bin von der Lektüre sehr angetan. Der Autor versteht es, die historischen Gegebenheiten ohne Effekthascherei, ohne Sensationsgier und ohne zuviel Kenntnisse bei den Lesern voraus zu setzen in einer spannend zu lesenden Form an.

In den einzelnen Kapiteln werden die handelnden Personen vorgestellt. Man erfährt vieles über die Strategien und Beweggründe der Akteure und erlebt die tragischen Jahre über ihre wichtigsten Figuren mit. Unter der Hand lernt man die Organisation des Römischen Reiches und seine militärische Organisation kennen – und auch neueste Ergebnisse aus aktuellen archäologischen Grabungen und Forschungen erfährt man ganz nebenbei.

In einem zweiten Teil des Buches wird der Weg des Arminius zum „deutschen“ Hermann nachgezeichnet, die Indienstnahme der Geschichte des europäischen Ereignisses zur Legitimation des Zweiten Deutschen Reiches 1871 und im Nationalsozialismus.  

Das alles ist gut zu lesen, alles andere als trockene Kost und trotzdem nicht simplifizierend. So wünscht man sich den Transfer von Wissenschaft in die auch unterhaltende Erzählung.



   
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