Thomas Sternberg | MdL
 



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04.01.2010, 15:41 Uhr | Übersicht | Drucken
Synagogen und Moscheen sind nicht so einfach zu vergleichen
Leserbrief von Thomas Sternberg in der F.A.Z.

In einem Leserbrief, der am 29. Dezember in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (F.A.Z.) erschienen ist, hat Thomas Sternberg Stellungnahme zur Architektur von Moscheen genommen. Den Brief lesen Sie hier:

Thomas Sternberg (Mi.) mit Suayip Seven (li.) und Mustafa Dayioglu mit dem Modell der erweiterten Moschee am Bremer Platz in Münster.
 
In der Ausgabe der F.A.Z. vom 9. 12. hat Dieter Bartetzko einen Vergleich des neuen Moscheenbaus mit dem der neuen Synagogen in Deutschland gezogen. Seinem Fazit kann man nur zustimmen: die Synagogen passen sich sehr gut in die Architektursprache der Gegenwart ein, während das für viele der unbeholfenen Kopien von Elementen traditioneller Istanbuler Moscheen nicht gilt. Die Tatsache, dass sich die Kölner DITIB-Zentrale entschlossen hat, einen Architekten aus der Familie der bedeutendsten Kirchenbaumeister Deutschlands für ihren Neubau zu beschäftigen – der allerdings die traditionellen Erwartungen an die Formensprache einer türkische Moschee geschickt mit einer Orientierung an der Moderne zu verbinden weiß – ist ein deutliches und gutes Zeichen des Integrationswillens.
 
Dem Artikel muss allerdings in einer wesentlichen Voraussetzung widersprochen werden: Die Synagogen und die Moscheen sind nicht so einfach zu vergleichen. Der Fehler liegt in der Ineinssetzung von Kultur und Religion, die aber nicht dasselbe sind. Bei den Synagogen handelt es sich die Bauten einer Glaubensgemeinschaft, die selbst ein integraler Bestandteil der Kultur Europas, die allerdings in ihrer Mehrheit auf christliche Ansätze zurückgeht, ist und war. Die Integration und Assimilation der Juden in die christliche Gesellschaft im 19. Jahrhundert bezog sich vor allem auf rechtliche und Fragen und solche der Bräuche und Gewohnheiten, nicht eigentlich einer fremden Kultur.
 
Und so sind die Kompositionen des Wiener Kantors Salomon Sulzer stilistisch nicht anders als die seines Freundes Franz Schubert, die jüdischen Ritualgeräte der Barockzeit nicht formal sondern nur in ihrer Funktion anders als christliches Altargerät und die Bauten Erich Mendelssohns nicht anders als die seiner christlichen oder jüdischen Bewunderer und Nachfolger. Es gab nie eine originär „jüdische Kultur“ wie es auch nie eine „christliche Kultur“ im genauen Wortsinn gegeben hat. Im Jüdischen Museum in Berlin kann man das ebenso gut studieren wie in jedem Dommuseum. Kulturen können geprägt sein von einer Religion, aber sie sind nicht identisch mit ihr. Religionen „inkulturieren“ sich in unterschiedlichen Kulturen.
 
Und genau da liegt das Problem der islamischen Gemeinden, die eine heimatliche Kultur nach Europa übertragen und hier von einer Moschee das gleiche Aussehen erwarten, wie dies in den arabisch-osmanischen Traditionen seine Blütezeiten gehabt hat. (Dass dabei der bedeutendste Kirchenbau des 6. Jahrhunderts, die Hagia Sophia zum Vorbild wurde, ist eine Randglosse der Architekturgeschichte.) Die gleiche Übertragung ohne Anpassung haben übrigens die Franzosen zur Kolonialzeit in Nordafrika gemacht, wo die Kirchen und Bahnhöfe aussahen, als ständen sie in einem burgundischen Dorf.
 
Für die türkischstämmige Menschen – ob sie nun muslimischen Glaubens sind oder nicht – stellt sich die Frage nach dem Grad der Anpassung an die sie umgebende Kultur auch deshalb besonders nachdrücklich, weil es so viele Unterschiede gibt. Denn die Unterscheidung zwischen „Orient“ (inklusive des westlichen Maghreb) und des „Occident“ (unter ungenauer Zuschreibung des orthodoxen Ostens) wurde im Laufe von 1350 Jahren zur wesentlichen kulturellen Grenze in den Ländern um das Mittelmeer und ihrer nördlichen Annexe; Jahrhunderte gegnerischer Ausgrenzung wie aber mindest so oft fruchtbaren Austauschs. Dass dies alles wiederum sehr viel mit Religion zu tun hat, ist offensichtlich, aber nicht der einzige Faktor, der viel eher in den Formen des Verhaltens, der Künste, der Gewohnheiten und eben auch des Ausdrucks in Architektur zu suchen ist.
 
Insofern haben es die Muslime viel schwerer, sich mit ihren Bauten in das Stadtbild moderner europäischer – oder besser: westlicher – Städte einzufügen als es die Mitbürger jüdischen Glaubens haben. Diese sind immer schon zuhause in diesen Formen gewesen, haben sie selbst wesentlich mitgeprägt, jene müssen den Weg zu einem europäischen Islam über den einer neuen Inkulturation gehen.


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